„Wir
haben keine Zeit“
von Gabriel
Laub in: „Unordnung ist das ganze Leben“ / Satiren / ISBN 3-7844-2422-8
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Wir
haben keine Zeit. Das ist eine Tatsache. Ich möchte denjenigen sehen, der Zeit
genug hat, um das zu bestreiten. Dabei wurden Tausende und Abertausende Dinge
erfunden, die uns die Zeit sparen. Mit der Zeit zeigten sie sich jedoch alle
als sehr zeitraubend.
Zum
Beispiel die Ehe: Irgendjemand hat irgendwann gesagt, die Ehe sei wie eine
Wasserleitung - wenn man Durst hat, muss man nicht die nächste Quelle suchen,
man dreht den Hahn auf und trinkt. Na ja, Herr Irgendjemand – es muss ein Herr
gewesen sein, nur ein Mann kann so selbstsicher und töricht sein - war
wahrscheinlich nie verheiratet, und es erübrigt sich, mit ihm zu polemisieren. Aber
die Wasserleitung selbst: Sie spart uns natürlich viel Zeit. Stelle man sich
nur vor, man müsste mit dem Eimer zu einem Brunnen laufen, um Wasser zu holen! Andererseits,
weil wir das Wasser in der Wohnung haben, baden wir und duschen auch zweimal am
Tag. Rechne man sich aus, wie viel Zeit dadurch im Jahr verloren geht. Früher
badete man einmal zu Ostern und einmal zu Weihnachten, und es war auch gut.
Und
wie viel Zeit spart uns das Auto? Früher war es zeitlich ganz unmöglich, von
Hamburg nach Hannover zu Freunden nur so auf einen Sprung zu fahren, von
weiteren Strecken schon gar nicht zu reden. Heute fährt man mit dem Wagen knapp
zwei Stunden. Dann plaudert man zwei Stunden – vorwiegend über Autos natürlich
und über die total blöden Autofahrer, mit denen man es auf der Autobahn zu tun
hatte, worüber sonst? - dann braucht man wieder etwa nur zwei Stündchen, und
schon ist man zu Hause. Als es noch keine Autos gab, würde man diese sechs
Stunden zu Hause sitzen, mit Nachbarn oder Freunden, die nicht weit weg wohnen,
und über ganz andere Sachen reden. Oder sogar lesen.
Nehmen
wir den Superzeitsparer – das Telefon. Gott weiß, wie viel Zeit es mich ohne
Telefon hätte kosten müssen, nach München zu fahren und einem Redakteur zu
erklären, dass mein Manuskript noch nicht fertig ist, weil ich keine Zeit
hatte, es zu schreiben. Mit dem Telefon war es in Minutenschnelle erledigt. Ein
Moment, Verzeihung, mein Telefon klingelt … Das war eine Bekannte. „Hast Du ein
paar Minuten Zeit?“ fragte sie. Aus Höflichkeit, natürlich. „Nein“, sagte ich,
„ich schreibe eben darüber, dass wir alle keine Zeit haben.“ - „Das ist absolut
richtig“, sagte sie. „Wenn Du Dir nur vorstellen könntest, wie ich unter Zeitdruck stehe…“ Und erzählte
mir von ihrer Arbeit, ihrem Studium, ihrem Mann und ihren zwei Kindern. Das
Gespräch dauerte siebenundzwanzig Minuten und wurde nur deshalb so schnell
abgebrochen, weil wir beide so wenig Zeit haben.
Die
technischen Errungenschaften erleichtern – rein technisch gesehen – die so
genannten zwischenmenschlichen Kontakte. Die Beziehungen zwischen Menschen
haben sich dadurch zwar nicht vertieft, aber ausgebreitet. Man hat jetzt –
wieder rein technisch gesehen – mehr Freunde und Bekannte. Ob man wirklich mehr Freunde hat, ist zu
bezweifeln.
Viele
Kontakte verbrauchen viel Zeit, wir können aber unsere Kontakte nicht aufgeben.
Der Kontaktzwang ist eine Art des Konsumzwangs – und man kann in diesem Fall
nicht einmal behaupten, dass es ein unnötiger Konsum wäre. Durch die
komplizierte gesellschaftliche Organisation sind wir auf sehr viele Menschen im
materiellen und auch im geistigen Sinne angewiesen. Unsere Kontakte sind wie
das Essen in der Kantine: Wir verlieren nicht sehr viel Zeit damit, es mag
sauber, nahrhaft und sogar nicht ganz ohne Geschmack sein. Ein Vergnügen ist es
jedoch selten, und man muss schon sehr hungrig sein, um sich darauf zu freuen. Mit
der Zeit ist es wie mit dem Geld: Je weniger man davon hat, um so abhängiger
ist man von ihm, man kann mit ihm schlecht wirtschaften, man kriegt dafür
weniger, und man muss sich mit der Standardware minderer Qualität abfinden. Weil
wir so weinig Zeit haben, vergeuden wir sehr viel Zeit. Wir rufen einander an,
erfahren, dass es unseren Freunden gut oder mittelprächtig geht, und sagen am
Ende: „Wir müssen uns endlich treffen, um uns richtig auszusprechen.“ Dann
treffen wir uns in einem halben Jahr und wissen nicht so richtig, worüber wir
reden könnten. Komischerweise ist es so: Je länger man sich nicht gesehen hat,
um so weniger hat man sich zu erzählen. Meistens spricht man über nichts, und
die Zeit, die wir uns für das Zusammensein freigemacht haben, ist vergeudet.
Andererseits
– wollen wir eigentlich Zeit haben? Was tun wir mit ihr, wenn wir sie mal
haben? Wir versuchen, sie so schnell wie möglich totzuschlagen.
Man
schaltet im Fernsehen ein Programm ein, das einen kaum interessiert, oder man
versucht fieberhaft per Telefon jemanden zu erreichen, der für uns ein bisschen
Zeit hätte, egal wen, auch Leute, die man gar nicht so sehr mag. Ja, was soll
man mit dem bisschen gefundener Zeit sonst tun? Für jene großen Pläne, von
denen wir immer sprechen, wenn wir uns beschweren, dass wir keine Zeit haben,
ist es zu wenig Zeit (außerdem machen wir die Pläne nur deshalb, weil wir
wissen, dass der Zeitmangel uns vor der Notwendigkeit bewahrt, sie zu
verwirklichen); dagegen ist diese Zeit zu lang, um sie mit sich selbst zu
verbringen. Man langweilt sich mit sich selbst. Man ist ja mit sich selbst kaum
bekannt, da man unter diesem dauernden Zeitdruck keine Zeit hat, sich mit sich
zu beschäftigen. Wir haben keine Zeit, und wir haben Angst, welche zu haben. Deshalb
ist keine Zeit so gründlich vergeudet wie die, die man damit verbringt, über
den Mangel an Zeit zu jammern.
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